Der Autor als Architekt: So entstand das Stück Lysander

von Daniel Nagel, Autor von Lysander

„…und dann sitzt Lysander zwischen den zerknüllten Seiten seines Werkes auf der Bühne.“

Stille. Fragende Blicke. Verhaltenes Tuscheln.

Daniel Nagel

Schließlich ist es Peggy, die das Eis bei diesem ersten Aufeinandertreffen von Didel-Dadel-Dum und Daniel Nagel bricht und bereits mit ersten Ideen für Kostüme und Bühnenbild einer Entscheidung vorgreift, die der Vorstand des Jungen Theaters anschließend einstimmig absegnen sollte.

Mehr als ein paar handschriftliche Notizen hatte ich zu dieser Vorstandssitzung im Herbst 2008 nicht mitgenommen. Anders als bei unserer Kreativgemeinschaft Dead Girl Walking Press, wo bereits die Ideen für neue Projekte grundsätzlich in gemeinsamer Arbeit entstehen, galt es hier, den Vorstand von Didel-Dadel-Dum stellvertretend für die gesamte Theatergruppe davon zu überzeugen, dass Lysander genau das Stück ist, was in der nächsten Spielzeit auf dem Plan stehen würde. Man beäugte damals meine Idee sehr kritisch, was mich anfangs sehr stark irritierte. Doch jetzt, wo ich die einmalige Gelegenheit hatte, der Gruppe bei ihren Workshops und Proben über die Schulter zu schauen, würde ich bei der Auswahl eines Stückes nicht anders vorgehen. Die Zahl der Arbeitsstunden, die in diesem Stück stecken werden, sobald es auf der Bühne steht, ist unglaublich. Jeder Beteiligte, ob nun Schauspieler oder fleißiger Helfer, Regisseur oder Choreograf, steckt sehr viel Freizeit, Geld und Herzblut in dieses Projekt, weshalb eine gesunde Portion Skepsis bei der Auswahl absolut gerechtfertigt ist.

Und trotzdem war es eine Umstellung für alle Beteiligten. Während bei Dead Girl Walking Press nur eine kleine Gruppe kreativer Geister miteinander am selben Projekt arbeiten und alles von der Ideenfindung bis hin zur finalen Ausführung selbst durchführen, sah ich mich nun in der Situation, Lysander als Projekt so aufzuarbeiten, dass Didel-Dadel-Dum damit auch arbeiten konnte. Neu war für die Theatergruppe auf der anderen Seite die Situation, dass der Autor des Stückes gemeinsam mit ihnen an einem Tisch sitzt (und leckeren Zwiebelkuchen futtert *g*).  Zum ersten Mal also hatten sie die Gelegenheit, aktiv an der Entstehung eines, ihres Stückes mitzuwirken. Und, lieber Leser, ganz ehrlich: diese Gelegenheit haben sie genutzt! Viele der Ideen, die inzwischen charakteristisch für Lysander sind haben die Jungs und Mädels von Didel-Dadel-Dum beigesteuert oder gemeinsam mit mir erdacht. Gerade diese Art der kreativen Arbeit mit den jungen Schauspielern hat mir ganz besonders Spaß gemacht. Bildlich gesprochen habe ich als Architekt und Bauleiter die stabile Infrastruktur geliefert, während Didel-Dadel-Dum mit viel Liebe zum Detail die Inneneinrichtung übernommen und damit Lysander eine Seele gegeben hat.

Sehr interessant war auch die Reaktion meines Umfeldes auf meine Zusammenarbeit mit dem Jungen Theater. „Jemand, der Thriller für Erwachsene schreibt, kann kein Theaterstück für junge Menschen schreiben“ ist dabei nur das am häufigsten genannte Beispiel.  Damals wie heute bin ich fest davon überzeugt, dass derartige Aussagen alles andere als zutreffend sind, so dass ich ruhigen Gewissens jeden einzelnen zur Premiere von Lysander am 17. Oktober 2009 eingeladen habe, um sich von Lysander, Owen und Isobel verzaubern und schlussendlich vom Gegenteil überzeugen zu lassen.

Zum Schluss möchte ich noch anmerken, dass es vor allem das bereits erwähnte Herzblut ist, was Didel-Dadel-Dum so liebenswert und sympathisch macht. Ob es nun die grundsätzliche Offenheit ist, mit der ich als Außenstehender in die Gruppe aufgenommen wurde, oder aber der Fleiß und das Engagement, mit dem die Beteiligten (die ja alle „nebenbei“ noch in Schule, Beruf oder Studium hart eingebunden sind) bei der Sache sind, in jeder Hinsicht habe ich von Anfang an das Gefühl gehabt, dass mein Stück nicht umgesetzt, sondern veredelt wird.

5 Comments

  1. das finde ich echt geil, vielen dank für die infos.

  2. Pingback: Zwei Jahre Didel-Dadel-Dum-Blog

  3. Hallo Daniel,

    für mich ist interessant, dass du die erste Reaktion so skeptisch in Erinnerung hast, denn mein erster Gedanke nach der Sitzung war: Oh, das ging aber einfach! Haben wir doch sonst etliche Wochen zugebracht mit der Auswahl des Stücks 🙂
    Mein Eindruck war eher: Oh da sind meine Lieben aber scheu!
    Naja, das hat sich ja bereits beim zweiten Termin gelegt UND mittlerweile bist du, wenn du uns besuchst, ein Teil vom Ganzen.
    Du glaubst gar nicht, wie aufgeregt sie mich am Workshop-Samstag gefragt haben, ob dir ihr Spiel gefallen hat…
    Noch nie haben wir uns einem Autor so verbunden gefühlt und das nicht nur, weil die ja in der Regel längst tot waren ;).
    Wir haben viel gelernt und gemeinsam Spaß gehabt bei der Ausarbeitung deiner genialen Idee für unser erstes eigenes Stück!

    Bis zum Freitag!

    Peggy

  4. Vielleicht die Vorgeschichte von Seberius und Serpentia … ihre Jugend und ihre Entwicklung hin zum Bösen in Person 🙂

  5. Hi Daniel,

    ein sehr geiler und zutreffender Artikel.
    Ich muss sagen, dass ich mindestens genauso viel Spaß hatte wie Du und durchaus für einen zweiten Teil der Komödie um Lysander plediere.

    LG RO.oland

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